Weiterbildung

Mittwoch, 30. Mai 2018 - 9:17

Ein Blogbeitrag von: Gabriele Frisch

Schulungsangebot zum Themenspektrum „Barrierefreiheit und Sehbehinderung“

Vorsichtig lässt die junge Frau den weißen Taststock über den Boden gleiten. Pendelnd beschreibt sie Halbkreise vor ihrem Körper und macht dabei kleine Schritte vorwärts. Weil sie eine Augenbinde trägt, muss sie sich auf ihren Tastsinn verlassen. Dabei wird sie aufmerksam von ihrer sehenden Begleitperson beobachtet, die bereit ist einzugreifen, wenn Gefahr droht. „Achtung!“, ruft diese plötzlich. Die „blinde“ Frau bleibt abrupt stehen: „Wovor soll ich mich in Acht nehmen? Ich kann ja nichts sehen!“

Eine Schülerin geht mit Augenbinde und Langstock die Stufen runter. Ein Schüler beobachtet sie dabei und hilft, wenn nötig.
Selbsterfahrung mit Taststock und Augenbinde.

Workshop

Die beiden gehören zu einer Gruppe, die im Jugendgästehaus Brigittenau an einem Workshop der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen zum Thema „Barrierefreiheit und Sehbehinderung“ teilnimmt. Die jungen Damen und Herren absolvieren ein Freiwilliges Soziales Jahr (www.fsj.at), das auch ein Bildungsprogramm vorsieht und nutzen eines der Basismodule aus dem umfangreichen Schulungs- und Beratungsangebot der Hilfsgemeinschaft. „Es wird spezifisch an die Erfordernisse der jeweiligen Einrichtung oder Organisationseinheit angepasst und besteht aus mehreren Modulen. Ziel ist die Herstellung einer möglichst umfassenden Barrierefreiheit durch Personalschulungen“, erläutert Petra Wrba, die an der Weiterentwicklung des Angebots der Hilfsgemeinschaft beteiligt ist und selbst Schulungen und Sensibilisierungstrainings durchführt. „Damit soll die Handlungskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesteigert werden, die mit einem visuell beeinträchtigten Kundenkreis in Kontakt sind. Dabei kann es sich um Sozial- und Gesundheitseinrichtungen handeln, wie z. B. Spitäler oder Krankenpflegeschulen, aber auch um Unternehmen, die ihren Kunden eine barrierefreie Servicekette anbieten möchten.“

Petra Wrba hält große Tarockkarten in den Händen, sie trägt dabei eine Simulationsbrille. Harald Rother steht mit Taststock und Armbinde daneben.
Petra Wrba und Harald Rother beim Workshop mit den Freiwilligen.

Selbsterfahrung

Inzwischen ist die Gruppe Freiwilliger zum nächsten Abenteuer mit Taststock und Armbinde aufgebrochen. Unter der kompetenten Anleitung des blinden Harald Rother sollen sie das Stiegenhaus erkunden. Rother erklärt, wie der Taststock gehalten wird, wenn man Stufen hinaufgeht: „Das Klacken des Taststocks zeigt mir die nächste Stufe an. Wenn nichts mehr klackt, ist der Boden eben. Der Handlauf dient der Orientierung, die Schräge zeigt die Richtung an.“ Die Teilnehmer haben inzwischen gelernt, dass es sehr hilfreich ist, etwaige „Gefahren“ verbal präzise zu beschreiben, anstatt nur „Vorsicht!“ zu rufen, wenn sie als sehende Begleitpersonen fungieren.

Die Schulungen bestehen aber nicht nur aus Übungen, auf dem Programm steht auch Theorie. Umfang und Tiefe sind davon abhängig, ob es um Basiswissen oder um eine Vertiefung oder auch Erweiterung geht. Die jungen Damen und Herren erfahren einiges über Augenerkrankungen und damit verbundene Sehbehinderungen. Sie lernen Hilfsmittel kennen und erhalten Tipps, wie sie sich als Begleitpersonen verhalten sollen. „Besonders wichtig ist die richtige Kommunikation“, so Petra Wrba. „Man spricht sehbeeinträchtigte Menschen zuerst an, bevor man sie berührt. Man nennt beim ersten Kontakt immer seinen eigenen Namen und informiert darüber, wer noch anwesend ist.“ Weitere wichtige Tipps betreffen die Sicherheit hinsichtlich Stolperfallen im Innen- und Außenbereich oder scheinbar einfache Dinge wie Essen und Trinken, Körperpflege oder Bekleidung.

Übungen

Für die Workshop-Gruppe sind die Übungen besonders interessant. Mit Hilfe von Brillen, die u.a. Gesichtsfeldausfälle bei verschiedenen Augenerkrankungen simulieren, entziffern sie Texte, probieren Hilfsmittel aus und versuchen Wasser einzuschenken. Ein piepsender Füllstandsanzeiger zeigt sich launisch und bleibt manchmal stumm, obwohl das Glas schon voll ist. Den Finger ins Glas zu stecken funktioniert besser. „Ich achte immer auf das Geräusch, wenn ich Wasser einschenke“, hilft der blinde Harald Rother.

Jugendlicher mit Simulationsbrille schenkt Wasser in ein Glas.
Spaß beim Wassereinschenken mit Simulationsbrille.

Die Rückmeldungen der jungen Freiwilligen zum Workshop sind positiv: „Wirklich interessant und gut gemacht und auch dass ein Betroffener dabei war, dem man alle Fragen stellen konnte und der aus seiner Sicht erzählt hat, war eine coole Erfahrung!“

Informationen und Kontakt:
Informationen zu unseren Sensibilisierungstrainings finden Sie hier.
Kontakt für Schulungen: Petra Wrba, Tel. 01/ 330 35 45-94, E-Mail