Begegnungen, die Perspektiven verändern
Persönlichkeiten
In regelmäßigen Abständen gewähren wir Einblicke in unsere Freiwilligenarbeit. Heute erzählt euch Frederic von seinen Erfahrungen als ehrenamtlicher Begleiter blinder und sehbehinderter Menschen.

Seit einigen Jahren begleite ich ehrenamtlich blinde und sehschwache Menschen zu Arztbesuchen oder verschiedenen alltäglichen Aktivitäten. Diese Einsätze empfinde ich als besondere Bereicherung. Für einige Stunden werde ich dabei zu ihren „Augen“ – ein sehender Begleiter, der Orientierung gibt und durch Rücksicht und Aufmerksamkeit ein Stück Sicherheit im öffentlichen Raum ermöglicht. Dabei entsteht jedes Mal ein Gefühl, gebraucht zu werden und zugleich ein tiefer Einblick in eine Lebensrealität, die vielen Sehenden kaum bewusst ist.
Bewegung im Alltag – mit anderen Sinnen
Früher wusste ich nur wenig über Menschen ohne oder mit stark eingeschränktem Sehvermögen. Umso mehr hat es mich immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich, sicher und oft auch angstfrei sich blinde und sehbehinderte Menschen im städtischen Raum bewegen.
Eine Frage, die Perspektiven verändert
Während eines Begleitdienstes, als ich einen blinden Mann am Arm führte, entwickelte sich ein Gespräch, das mir lange im Gedächtnis geblieben ist. Aus Neugier stellte ich ihm eine Frage: „Woher weißt du eigentlich, wo wir sind? Wie entsteht dein Bild von der Umgebung, wenn ich dir den Weg beschreibe?“
Ohne von meiner Frage überrascht zu sein, zeigte mein blinder Partner seine tiefe Menschlichkeit und eröffnete mir einen Einblick in sein wahres Leben. Seine Antwort war ruhig, klar und sehr eindrücklich: „Alles, was ich hier beim Gehen höre, taste und über meinen Stock wahrnehme, ist ein Teil meiner Orientierung. Aber erst durch deine Beschreibung entsteht daraus ein vollständiges Bild in meinem Kopf. Ohne diese Ergänzung bleibt vieles unklar – mit ihr wird es verständlich und sicher.“ Dann fügte er hinzu, dass genau diese Unterstützung für ihn eine große Unterstützung sei. Dass Gespräche, gemeinsames Lachen und Aufmerksamkeit seinen Alltag bereichern und ihm Sicherheit geben: „Dafür bin ich dir dankbar, da du mein Leben bei jedem Treffen ein wenig erleichterst, mir aufmerksam zuhörst, mit mir lachst und mir Freude bereitest.“
Dankbarkeit in beide Richtungen
Dieser Moment hat mich sehr berührt. Denn auch ich erlebe in diesen Begegnungen immer wieder Vertrauen, Offenheit und echte menschliche Nähe. Oft sind es nur wenige Stunden – und doch entstehen darin sehr intensive Erfahrungen. „Sag Danke!“ – ein einfacher Satz, den ich früher oft von meinen Eltern gehört habe. Eine Selbstverständlichkeit, die im Alltag unserer Gesellschaft manchmal verloren zu gehen scheint. In meinen Begleitungen erlebe ich jedoch genau dieses Danke immer wieder – oft leise, manchmal zwischen den Zeilen, aber immer spürbar.
Am Ende dieser gemeinsamen Stunden bleibt vor allem eines: Dankbarkeit. Sie zeigt mir, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein – mit Aufmerksamkeit, Respekt und echter menschlicher Begegnung.