Vergissmeinnicht

Dienstag, 4. Juli 2017 - 0:00

Eine lebendige Erinnerung

Ein Blogbeitrag von: Silvia Mayrhofer

Jedes Jahr bepflanzen Mitarbeiterinnen der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen Blumenbeete mit Vergissmeinnicht. Als Dank und Erinnerung an alle Menschen, die in ihrem Testament eine gemeinnützige Organisation bedacht haben, blühen die Vergissmeinnichtpflanzen den ganzen Sommer. Im Herbst samen sie aus und sorgen in den kommenden Jahren für immer mehr zarte Farbtupfer in den Wiesen.

Sie sind ein schönes Symbol dafür, dass Testamentsspenderinnen und Testamentsspender in der Hilfsgemeinschaft nicht vergessen werden. Ohne sie wäre unsere Arbeit für blinde und sehschwache Menschen nicht möglich – sei es die Sozial- oder Low Vision-Beratung, Hilfsmittel, Freizeitgruppen oder Kurse. Sie ermöglichen uns aber auch die Entwicklung von zukunftsweisenden Projekten und Technologien, die sehbehinderten Menschen ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen, die mehr Mobilität, mehr Zugang zu Wissen und Informationen, mehr Sicherheit und mehr Berufschancen bringen.

In diesem Jahr stehen wir an einem Frühlingsmorgen im Wiener Volksgarten. Der Wind pfeift uns um die Ohren, Schneeflocken fallen auf die Vergissmeinnicht-Pflanzen. Trotz des unwirtlichen Wetters haben sich mehr als 40 Gäste eingefunden. Auch wenn der eiskalte Sturm uns die Lautsprecherboxen umwirft, unsere langjährige Unterstützerin Eva Fichte lässt sich nicht von einer herzerwärmenden Rede abhalten. Die Schauspielerin richtet ihren Blick auf das nur einen Steinwurf entfernte Burgtheater, wo vor fast 50 Jahren ihre Geschichte mit der Hilfsgemeinschaft begann: „Ich war fixes Ensemblemitglied des Burgtheaters, stand aber vor einem Gastspiel in Hamburg und wurde bis dahin in der Burg nicht mehr für neue Rollen besetzt. Weil ich Zeit hatte, habe ich ehrenamtlich angepackt und Weihnachtspäckchen geschnürt. Ende der Sechzigerjahre waren viele blinde Menschen noch auf Kleiderspenden angewiesen. Meine Freundin Stella hatte etwas, was man als Auto bezeichnen konnte. Damit sind wir herumgefahren und haben die Packerl verteilt.“

Eva Fichte erinnert sich ganz genau: „Stella hat mich dann auch mitgenommen ins Blindenheim – heute sagt man dazu viel schöner ‚Pension‘. Dort traten regelmäßig bekannte und unbekannte Künstler auf. Ich bin hereingekommen, wurde so herzlich begrüßt und war hingerissen von der liebevollen Atmosphäre. Ich habe mich sofort zugehörig gefühlt. Unzählige Auftritte folgten in den nächsten Jahrzehnten, sehr oft war ich die Conférencieuse und gab humorige Gedichte zum Besten.“
Frau Fichte bringt auf den Punkt, was die Hilfsgemeinschaft ausmacht: „Blinde, sehbehinderte und sehende Menschen helfen einander. Ich konnte den Bewohnern von der Bühne aus etwas geben. Aber es ist auch tausendfach zurückgekommen!“

Wie der Entschluss in ihr reifte, die Hilfsgemeinschaft zu ihren Erben zu machen, wird die Künstlerin gefragt: „Schon zu Lebzeiten meiner Eltern haben wir besprochen, was einmal mit dem Familienvermögen geschehen soll“, erzählt sie. „Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir es für blinde und sehschwache Menschen einsetzen wollen.“

Die Kälte ist vergessen, die Gäste applaudieren begeistert. Gemeinsam setzen wir die Vergissmeinnicht-Pflänzchen in die Erde und denken an die Menschen, die uns ihr Erbe anvertraut haben.