Schulversuch

Mittwoch, 13. November 2019 - 10:16

Die Integrative Lernwerkstatt Brigittenau feiert ihr 20-Jahre-Jubiläum

Das österreichische Schulsystem ist antiquiert, teuer und ineffizient. Regelmäßig erbringen Leistungstests (Stichwort: Pisa) niederschmetternde Ergebnisse: Ein nicht unerheblicher Teil der Pflichtschulabgänger kann nicht sinnerfassend lesen. Seit vielen Jahren wird über Reformen diskutiert, Probleme in den Bereichen Integration und Inklusion sind ungelöst.

Modellschule in Brigittenau erfolgreich

Der vor 20 Jahren gestartete Schulversuch in der ILB – Integrative Lernwerkstatt Brigittenau könnte als erfolgreiches Modell für eine zeitgemäße Unterrichtsform dienen. Sie orientiert sich an den Bedürfnissen der Kinder anstatt an den Vorstellungen konservativer Politiker. Derzeit besuchen rund 390 Kinder und Jugendliche die öffentliche Ganztagesschule, ein Fünftel davon hat sonderpädagogischen Förderbedarf. 50-Minuten-Unterrichtseinheiten gibt es nicht, die Kinder haben individualisierte Stundenpläne: Lernphasen wechseln den ganzen Tag über ab mit Spiel-, Bewegungs- und Kreativphasen.

Unterrichtet wird in drei Stufen: der Eingangscluster A umfasst die Vorschulstufe sowie die 1. bis 3. Schulstufe für Kinder von 6 bis 9/10 Jahren, der Übergangscluster B die 4. bis 6. Schulstufe für Kinder von 10 bis 13 Jahren und der Ausgangscluster C die 7. und 8. Schulstufe für Jugendliche von 13 bis 15/16 Jahren.

Blick in einen mit vielen bunten Materialien ausgestatteten Fachraum in dem eine Lehrerin und eine Volksschülerin lesend am Boden sitzen
Freude am Lernen in der Integrativen Lernwerkstatt Brigittenau, Copyright: Tanja Dirks

Alternative Leistungsbeurteilung

„Die mehrstufige Arbeit mit altersheterogenen Stammgruppen bringt entwicklungspsychologische Vorteile. Unser fächerübergreifender und projektorientierter Unterricht basiert auf reformpädagogischen Konzepten. Durch die Konzentration auf ein Thema ohne Unterbrechung vertiefen wir das Gelernte. Individualisiertes Lernen fördert die Stärken und egalisiert die Schwächen der Kinder. Sie erleben Unterschiede hinsichtlich Alter, Lerntempo und Niveau als etwas völlig Normales. Dadurch gelingt auch die Einbindung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf viel besser“, weiß Direktorin Karin Feller. „Die Besonderheit unseres Schulversuchs ist die alternative Leistungsbeurteilung bis zur 7. Schulstufe. Noten während dem Lernprozess zu vergeben ist kontraproduktiv, weil sie den Focus auf Defizite verlagern. Uns ist die Entwicklung der Kinder wichtig und dafür ist qualifiziertes Feedback ganz entscheidend. Ab dem Schuljahr 2020/21 müssen wir laut Bescheid des Bildungsministeriums – wenn sich nichts ändert – wieder Noten für neueintretende Kinder vergeben. Für uns ist schwer nachvollziehbar, warum wir mit zwei Beurteilungssystemen arbeiten müssen, zumal unser Schulversuch noch bis 2024/25 läuft.“

Lehrerinnen und Lehrer als Coaches

In dieser Schule gibt es keinen Frontalunterricht, keine Hausaufgaben, keinen Schulstress und keine Prüfungsangst. Dafür haben die Kinder einen intensiven Austausch mit dem Lehrer-Team. Das Gelernte wird mittels Lernabschnittskontrollen (schriftliche Tests) überprüft oder auch anhand von fächerübergreifenden Projektaufgaben. Die Lehrerinnen und Lehrer fungieren in den Lerngruppen des Übergangs- und Ausgangsclusters als Coaches. „Jeder Coach weiß über die Entwicklung seiner Schülerinnen und Schüler Bescheid, unterstützt beim selbstständigen Lernen mit Methoden und Tools, kennt die persönlichen Probleme und setzt sich, wenn nötig, mit den Eltern in Verbindung“, erklärt die Sonderpädagogin Martina Mazal. Die ständigen Rückmeldungen des Lehrpersonals fördern bei den Kindern und Jugendlichen die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Die Betonung der Stärken, die wertschätzende Schulkultur und das selbstständige Lernen macht aus den Heranwachsenden selbstbewusste Individuen, die offen auf andere Menschen zugehen.

„Beim Übertritt in andere Schulen haben unsere Schüler kaum Probleme. Sie verhalten sich sehr sozial, können sich gut ausdrücken und kommen daher auch mit neuen Verhältnissen gut zurecht“, zeigt sich Karin Feller erfreut.

Für die Zukunft wünscht sich die Schulleiterin eine Verbreitung des ILB-Modells und die Abschaffung von Noten: „Es reicht, wenn man am Ende des Jahres feststellt, ob ein Kind für die nächste Schulstufe oder den Übertritt in eine andere Schulart geeignet ist.“

Direktorin Karin Feller und Sonderpädagogin Martina Mazal sitzen lächelnd auf einem roten Sofa
Direktorin Karin Feller (re.) mit Sonderpädagogin Martina Mazal