Schulanfang

Dienstag, 12. September 2017 - 9:55

Schwierige Entscheidung: Integrationsklasse oder Sonderschule?

Eltern mit schulpflichtigem Nachwuchs müssen schon sehr früh wichtige Entscheidungen treffen. Bei Kindern mit Behinderungen sind weitere Faktoren relevant: Wo erhält mein Kind die optimale Unterstützung und wie kann ich es selbst fördern, ohne es zu überfordern? Wie soll sein weiterer Bildungsweg verlaufen? Gebe ich mein Kind in eine Integrationsklasse oder ist es in einer Sonderschule besser aufgehoben?

Zusatzangebot

Blinde bzw. hochgradig sehbehinderte Kinder benötigen zusätzliche Lernangebote (z. B. blindenspezifische Schriftsysteme), Unterstützungsmaßnahmen und Hilfsmittel sowie eine weit reichende individuelle Förderung. Wichtig sind die Schulung der Sinne (Tast- und Hörerziehung), die Vermittlung lebenspraktischer Fertigkeiten, Orientierungs- und Mobilitätstraining sowie die Förderung der Kommunikation und Interaktion mit anderen.

In Wien können sehbehinderte Schülerinnen und Schüler das Zentrum für Inklusion und Sonderpädagogik in der Zinckgasse(1150 Wien) besuchen. Blinden und schwerst sehbehinderten bzw. mehrfach behinderten Kindern bietet das Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) in der Wittelsbachstraße 1020 Wien) einen Pflichtschulabschluss und eine spezifische Berufsausbildung.

Blinde Schülerin

Einen anderen Weg haben die Eltern der kleinen Sophie beschritten. Sie war bereits im Kindergarten in einer Integrationsgruppe, wo sich das blinde Mädchen bestens zurechtgefunden hat. „Wir haben uns bewusst gegen eine Sonderschule entschieden. Sophie ist begabt, sie könnte maturieren und ein Studium absolvieren. Der Umstieg von der Sonderschule ins Gymnasium wäre schwierig“, erklärt Vater Alexander Kastner. Seine Tochter besucht eine Integrationsklasse am Campus Donaufeld. „Sophie war das erste blinde Kind. Die Direktorin hat das gesamte Lehrerteam am BBI im Rahmen eines Workshops schulen lassen. Ihre Klassenlehrerin hat extra die Brailleschrift erlernt“, erzählt Sonja Kastner, die selbst Volksschullehrerin ist. „Wir haben vorab die Wege im Schulgebäude bzw. zum Klassenzimmer mit Sophie geübt, damit sie sich mit
dem Taststock zurechtfindet.“

Lehrplan

In der Integrationsklasse unterrichten immer zwei Lehrerinnen: eine Volksschullehrerin und eine Sonderpädagogin. Alle Kinder – auch die sechs „I-Kinder“ – werden gemeinsam unterrichtet. Bei Sophie stehen neben dem Volksschullehrplan auch noch „blindenspezifischeÜbungen“ auf dem Programm. Etwa 8 bis 9 Stunden pro Woche wird Sophie von einer Lehrerin vom BBI unterstützt. Sie hat problemlos die Brailleschrift erlernt, viele Buchstaben kannte sie schon vor Schulbeginn. Sophie beherrscht bereits den Umgang mit der Braille-Schreibmaschine und übt schon mit der Braille-Zeile am Computer. „Das wäre erst später vorgesehen, aber wir halten es für sinnvoll, wenn Sophie sich das aneignet, während die anderen Kinder die Schreibschrift erlernen“, erklärt IT-Experte Alexander Kastner.

Und was sagt Sophie zur Schule? „In der ersten Klasse fand ich die Schule so toll. Da habe ich überhaupt noch nicht ans Lernen gedacht. Dann habe ich bemerkt, dass Schule manchmal anstrengend ist“, lacht die 8-Jährige, die jetzt in die 3. Klasse kommt. Ihre Lieblingsfächer sind Turnen, Werken, Musik, aber auch Deutsch – „Die Grammatik mag ich urgern!“ – und Religion. Der einzige Gegenstand, der ihr wenig Begeisterung abringt: „Mathe!“ Das liegt vielleicht an den in Blindenschrift übersetzten Büchern. Manche Übungen enthalten nicht übertragbare Bildaufgaben oder es gibt nicht genügend Platz zum Einsetzen der Ergebnisse. Sophie tippt diese Aufgaben ab und fügt die Lösungen mit der Braille-Schreibmaschine ein.

Soziale Integration

Sophies Eltern sind mit ihrer Entscheidung für die Integrationsklasse sehr zufrieden: „Die soziale Integration, die uns so wichtig war, hat unsere Erwartungen übertroffen. Wir hatten Glück mit dem tollen Lehrerteam, mit den anderen Eltern, den Kindern. Das hat alles perfekt gepasst“, fasst Alexander Kastner seine Begeisterung für die inklusive Bildung zusammen. „Für ein offenes, kontaktfreudiges Kind wie unsere Tochter ist das die beste Möglichkeit!“