Räume zum Wohlfühlen

Donnerstag, 29. November 2018 - 14:30

Rita Katzmaier wurde ihr Handwerk in die Wiege gelegt. Die leidenschaftliche Tischlerin und stolze Mutter von drei Söhnen, leitet den Traditionsbetrieb Tischlerei Katzmaier im Reichenthal. Das Familienunternehmen fertigt seit 1860 Möbel nach Maß. Der 10-köpfige Betrieb hat einen breit gefächerten Kundenkreis, betreut aber vor allem auch sehr viele blinde und sehbeeinträchtigte Menschen.

Dass sich das Unternehmen u.a. auf die Kompletteinrichtung von Räumen und Wohnungen von blinden und sehbeeinträchtigten Menschen spezialisiert hat, war eher Zufall. Vor 15 Jahren ging der erste Auftrag eines blinden Kunden ein. Rita Katzmaier und ihr Team wussten, mit der sonst üblichen Zeichnung kommen sie nicht weiter. Erste Überlegungen und Anfragen bei diversen Organisationen und Verbänden brachten leider nicht die erhoffte Lösung, dem Kunden eine Vorstellung der bevorstehenden Neugestaltung des Zuhauses geben zu können.

Möbelpläne für blinde Menschen

„Wie zeichnet man Möbelpläne für blinde Menschen? Wie erklärt man eine Holzart oder eine Farbe nur mit Worten?“ Rita Katzmaier und ihr Team arbeiteten intensiv an der Lösung dieses Problems. Hilfestellung bekamen sie vor allem vom Kunden selbst. „Ich habe zu Beginn einfach offen zugegeben, dass ich mit dieser Situation im Moment überfordert bin. Aufgrund meiner Ehrlichkeit wurde ich glücklicherweise sehr herzlich aufgenommen. Familie Hechenleitner hat mir damals alles beigebracht, was im Umgang mit sehbehinderten Möbelkäufern wichtig ist.“

Letztlich entstand die Idee, ein 1:10 Modell für blinde und sehbeeinträchtigte Kunden nachzubauen. Die Schuhschachtelgroßen Modelle werden mit der Originalausstattung in Miniaturgröße versehen. Der Kunde kann somit ertasten, was er im Endeffekt in der Wohnung vorfindet.

Modellraum im Maßstab 1:10 von oben, Copyright: Katzmaier

„Die Haptik spielt bei visuell beeinträchtigten Menschen natürlich eine entscheidende Rolle. Wir mussten viel dazulernen und umstellen. Wir verwenden beispielsweise keine normalen Hölzer. Zur Bemusterung haben wir eigene Holzmuster kreiert – ohne Oberfläche und mit herausgearbeiteter Holzmaser – um die Strukturen besser ertasten zu können. Farben erklären wir immer mit Bezug auf ein Gefühl oder einen Geschmack. Dunkles Rot kann dann schon mal wie ein guter Rotwein oder helles Birkenholz wie Meloneneis beschrieben werden. Auf diese Weise konnten wir die besten Erfolge erzielen.“ Neben der direkten Tischlereiarbeit und dem Handwerkeralltag, wurde auch der Webauftritt für sehbeeinträchtigte Menschen angepasst und die Visitenkarten mit Brailledruck versehen. „Mein Team und ich mussten viel dazulernen. Ich bin sehr stolz, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meine Ideen und Einstellungen zu diesem Thema teilen. Ohne ihnen wäre das alles nicht möglich“, erzählt Rita Katzmaier stolz.

Mühlviertler Tischlerin Rita Katzmaier mit einem Modellraum für blinde und sehbeeinträchtigte Kunden, Copyright: Katzmaier
Die Mühlviertler Tischlerin Rita Katzmaier mit einem Modellraum für blinde und sehbeeinträchtigte Kunden, Copyright: Katzmaier

Ziele

Doch das war noch längst nicht alles. Zwei Ziele hat die ambitionierte Tischlerin noch. Sie möchte die Elektrogerätelobby, speziell im Bereich Küchengeräte, darauf aufmerksam machen, dass Touchbedienungen ohne Räder und Knöpfe, für blinde und sehbeeinträchtigte Menschen kaum bedienbar sind. Außerdem möchte sie erreichen, dass in jeder Ausbildung Praxisstunden und Aufklärungsarbeit im Umgang mit sehbeeinträchtigten Menschen eingebaut werden. Damit soll die natürliche Anfangsscheu genommen werden.

Diese Forderung unterstützen wir natürlich sehr gerne und bedanken uns herzlich für das nette Interview!

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