Outdoor Selbsterfahrungstraining

Donnerstag, 25. Oktober 2018 - 14:09

Ein Blogbeitrag von: Alexandra Schätz

Seit vielen Jahren bieten wir Schulungen und Sensibilisierungstrainings für Schulen und spezielle Berufsfelder (Bsp.: Pflegepersonal) an. In praktischen Übungen bekommt man einen kleinen Einblick in das Leben von Menschen mit einer Sehbehinderung. Ziel unserer Schulungs- und Weiterbildungsangebote ist die Schaffung von Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse, aber auch die Fähigkeiten von Menschen mit Sehbehinderung oder Blindheit. Ein Teil des Sensibilisierungstrainings ist die praktische Übung im Freien. In einer „Selbsterfahrungsschulung Outdoor“ erfährt man, wie sich blinde und sehbeeinträchtigte Menschen im Freien zurechtfinden und zu ihrem Ziel gelangen.

Diese Übungen bieten wir jedoch nicht nur externen Interessenten an. Auch unsere eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben die Möglichkeit an unseren Schulungen teilzunehmen und einen Einblick in die Lebenswelt visuell beeinträchtigter Menschen zu bekommen. Für diese spannende Art der Weiterbildung nutzten einige Mitarbeiterinnen und Freiwillige das schöne Herbstwetter des letzten Monats und begaben sich auf Erkundungstour rund um unser Beratungszentrum.
Bevor wir starteten gab es zuvor einen theoretischen Input von Mag. Petra Wrba, Mitarbeiterin der Hilfsgemeinschaft und Ansprechperson für Schulungen und Trainings. Sie erklärte uns die verschiedenen Probleme, mit denen blinde und sehbeeinträchtigte Menschen täglich konfrontiert werden. Außerdem wurden uns diverse Hilfsmittel zur Unterstützung der Mobilität im öffentlichen Verkehr gezeigt. Neben kennzeichnenden Hilfsmitteln wie gelben Armschleifen oder Plaketten, ist der Langstock wohl die wichtigste Mobilitätshilfe für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung. Sie ermöglichen blinden Menschen eine Orientierung zu Fuß.

Tipps für den Umgang mit dem Langstock

Langjähriges Mitglied und Mitarbeiter der Hilfsgemeinschaft Fritz Kirchner, selbst visuell beeinträchtigt und Besitzer eines Langstocks, klärte uns über die Vorzüge des Blinden(lang)stocks auf und gab praxisnahe Tipps. Wir erfuhren,

  • dass der oft verminderte Gleichgewichtssinn wieder verstärkt wird und
  • die richtige Handhabung für mehr Sicherheit sorgt.
  • Zusätzlich werden Passanten durch das Geräusch des Pendelns aufmerksam und können, wenn nötig, ausweichen.
  • Höhenhindernisse wie herabhängende Äste, tief montierte Verkehrsschilder und aufgeklappte Laderampen von LKWs, werden jedoch nicht erkannt.
  • Außerdem erfuhren wir, dass wir nie mit der Hand durch die Gummiband-Schlaufe greifen sollen, da es sonst bei Unfällen zu erheblichen Verletzungen kommen kann.
  • Um eine Ermüdung der Hand und Unterarmmuskulatur zu vermeiden, sollte der Langstock locker in der Hand liegen. Mit dem Handballen und Zeigefinger wird der Stock gesteuert.
Frau mit Langstock gleitet am Blindenleitsystem entlang.
Das taktile Blindenleitsystem bietet Orientierung

Ausgestattet mit diesen wertvollen Tipps, begaben wir uns auf Erkundungstour. Mit verbundenen Augen, Armbinde und Langstock mussten wir in den nächstgelegenen Supermarkt spazieren und eine Packung Milch kaufen. Für unsere Sicherheit sorgten fürsorgliche Mitarbeiterinnen und Freiwillige, die uns auf Schritt und Tritt folgten.
Das Hinausschreiten in eine Welt, die man zwar hört, aber nicht sieht, war ein interessantes Erlebnis. In die Lebenswelt sehbeeinträchtigter Menschen zu tauchen, verdeutlichte einmal mehr die häufigen Barrieren und Hindernisse von blinden und sehbehinderten Menschen. Angefangen im Außenbereich, wo Verkaufswaren auf einem Blindenleitsystem aufgebaut werden, bis hin zu fehlenden taktilen Indoor-Leitsystemen. Überraschend war, dass der, unzählige Male zurückgelegte Arbeitsweg, plötzlich unbekannt war. Der Verkehr erschien noch lauter als sonst und der alte gelbe Postkasten wurde zum fast unüberwindbaren Hindernis.

Verkaufsstand steht vor der Türe, Frau bleibt mit Langstock hängen.
Verkaufswaren können zum Hindernis werden

Wir sind um eine wichtige Erfahrung reicher, die nicht nur für jene wertvoll ist, die mit sehbeeinträchtigten Menschen zu tun haben, sondern für alle eine Bereicherung wäre.