Boysday 2018

Mittwoch, 12. Dezember 2018 - 9:03

Ein Blogbeitrag von: Petra Wrba

Im Rahmen des Boysday stellen sich soziale Einrichtungen vor, um männlichen Jugendlichen ein breiteres Spektrum an Berufsmöglichkeiten näherzubringen. Unsere beiden sehbeeinträchtigten Mitglieder Jeroen und Michele haben im Rahmen der Veranstaltung aus ihren eigenen Erfahrungen erzählt.

Unterwegs mit dem Langstock

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und einem anschließenden Vorzeigen von Langstock- und Begleittechniken, hielt es die Teilnehmer nicht mehr auf den Stühlen und jeder wollte einmal selbst ausprobieren wie es sich als blinder oder stark sehbeeinträchtigter Mensch anfühlt.

Dazu wurden sowohl Augenbinden, als auch Simulationsbrillen verteilt. Zur Sicherheit - und damit niemand auf Abwege kommt – wurden Zweiergruppen gebildet, bei denen jeweils ein Junge sehend blieb und den Simulierenden begleitete und gegebenenfalls unterstützte.

Schnell stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist ein Ziel zu erreichen. Mithilfe des taktilen Leitsystems fiel es den Probanden dann deutlich leichter sich fortzubewegen. Nachdem alle gemeinsam den vorgegebenen Weg absolvierten, war es Zeit für eine kleine Pause.

Zwei Jungen sind mit Langstock und Augenbinden draußen unterwegs, Copyright: Boysday
Unterwegs mit Langstock und Augenbinde, Copyright: Boysday

Während die eine Hälfte der Jungen mit dem Langstock und Augenbinde draußen unterwegs waren, konnten die anderen bei einer Übung das sehbehindertengerecht gestaltete Stiegenhaus mittels Simulationsbrillen entdecken. Dabei mussten einige der Jungen gleich ihre morgendlichen Energien loswerden und sprinteten bis in den 4. Stock hinauf. Andere beachteten sehr wohl die Informationen am Handlauf und waren beim Tragen der Simulationsbrillen erstaunt, dass mit bestimmten Augenerkrankungen die Orientierung im Stiegenhaus schwieriger ist. So konnten sie selbst feststellen, dass sich kontrastreiche Markierungen bei Stufen wirkliche auszahlen!

Im 4. Stock angelangt, konnten sie den sprechenden Aufzug benutzen und versuchen mit Simulationsbrille die Knöpfe im Aufzug zu finden. Für sehbeeinträchtigte Menschen ist es oft schwieriger das richtige Stockwerk zu erkennen.

Nach einer Stärkung wurden dann Eindrücke vom gerade Erlebten wiedergegeben. Dabei zeigte sich, dass es ganz unterschiedliche Eindrücke gab. Von Aussagen wie „Unglaublich wie langsam man automatisch geht, wenn man nichts sieht.“ bis zu „Ich wusste gar nicht, wo ich überhaupt bin.“ war alles dabei.

Danach gab es einen kleinen Vortrag über verschiedene Augenerkrankungen und deren Auswirkungen sowie die richtige Interaktion mit betroffenen Menschen. Dabei kamen immer wieder Fragen auf, die von den anwesenden Mitgliedern der Hilfsgemeinschaft beantwortet wurden.

Neugier

Das Interesse der Schüler an dem Thema war durch die zahlreichen Fragen deutlich zu erkennen. Dabei wurden auch viele unerwartete Fragen gestellt, die ein echtes Interesse am Menschen erkennen ließen.
„Schlafen blinde Menschen eigentlich mit offenen Augen?“, oder das Gegenteil „Warum haben blinde Menschen die Augen nicht dauerhaft geschlossen?“, aber auch Fragen wie „Warum tragen viele blinde Menschen eine Sonnenbrille?“ oder „Können blinde Menschen eigentlich auch weinen?“ waren dabei. “Wie kommt ein blinder Mensch in die Arbeit?“, was indirekt impliziert, dass auch blinde Menschen automatisch für arbeitsfähig gehalten werden.

Bei dem anschließenden Kurzbesuch im Hilfsmittel-Shop war auch für das junge Publikum Interessantes dabei.

Smartphone, Apps & Computerspiele für Sehbeeinträchtigte

Zum Abschluss demonstrierte dann unser blindes Mitglied Michele die Handhabung des Smartphones. Manche der vorgestellten Apps, wie zum Beispiel eine App, die Geldscheine erkennt und deren Wert ansagt, wollten einige Schüler gleich auf ihrem eigenen Handy installieren. Auch die App „Be my Eyes“, bei der freiwillige sehende Menschen mittels anonymen Videochats blinden Menschen weiterhelfen können, wenn sich diese in der Situation nicht zurechtfinden, stieß auf großes Interesse. Die Schüler waren außerdem überrascht, dass Menschen mit einer hochgradigen Sehbehinderung auch Computer spielen.

Mann hält ein Smartphone in das Publikum, um seine Anwendung zu demonstrieren, Copyright: Boysday
Zum Abschluss demonstriert Michele die Handhabung des Smartphones, Copyright: Boysday

Jeroen war es ein Anliegen, dass seine Mitmenschen wissen, dass es nicht immer darum geht zu helfen, sondern manchmal einfach nur darum, stets aufmerksam zu sein. So zeugt es von Respekt vor dem Menschen, dass man einer Person mit Langstock auf dem Gehsteig oder am U-Bahn-Bahnsteig ausweicht. Und wenn man mir einen Platz in der Straßenbahn/Bim freimacht, dann nehme ich diesen dankend an und freue mich darüber – allerdings erst, wenn man nicht nur den Platz freimacht, sondern mir das auch mitteilt.

Die Aktion Boysday 2018 bei der Hilfsgemeinschaft war ein voller Erfolg und hinterließ bei den Schülern mit Sicherheit einen bleibenden Eindruck!