Blogger BlindLife

Dienstag, 6. März 2018 - 14:27

Ein Blogbeitrag von: Alexandra Schätz

Immer mehr Menschen bloggen und lassen uns damit an ihrem Leben teilhaben. Die Eindrücke die wir dadurch gewinnen, sind oft inspirierend und geben Anlass, die eigenen Vorurteile und Verhaltensmuster, zu hinterfragen. Im Blogroll stellen wir euch engagierte Menschen vor, die uns ermutigen und uns zum Nachdenken bringen. Heute stellen wir euch Erdin Ciplak vor, der mit seinem Blog „BlindLife“, sowie mit seinen Videos, die Vision verfolgt „Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte online zugänglich zu machen, indem Sie von ihm, in den verschiedensten Videos getestet und vorgestellt werden“.
Bereits seit 2014 begeistert Erdin - nicht nur uns - mit seinem Projekt „BlindLife“ auf Youtube. Höchste Zeit also, dass wir ihn auf unserem Blog vorstellen und interviewen.

Der 1986 in Gelsenkirchen geborene Erdin kam bereits fast blind zur Welt. Es folgten im Laufe seines Lebens knapp 50 Operationen, die auf diverse Erkrankungen der Augen zurückzuführen sind. Heute verfügt er über einen Sehrest von knapp zwei Prozent. Wer die Videos von BlindLife kennt, weiß jedoch, dass dieses „Unvermögen“ die Welt mit gesunden Augen zu sehen, Erdin nicht davon abhält sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Viel mehr erinnert er mit seiner Freude, Begeisterung und seinem Mut daran, sich auf seine „Fähigkeiten“ zu konzentrieren. Mit diesem positiven Zugang eröffnet sich nicht nur eine andere Sichtweise auf das Leben, sondern das Leben selbst verändert sich.

Momentan studiert Erdin „Soziale Arbeit“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW Hamburg) und ist Gründungsmitglied beim Europäisch-Türkischen Behindertenverein. Der Verein setzt sich für die Integration von türkischen Menschen mit Behinderung ein. Zudem arbeitet er seit 2008 als Guide für „Dialog im Dunkeln“ in Hamburg. Als ob das nicht reichen würde, arbeitet Erdin ehrgeizig an seinem Blog und auf Youtube. Dort stellt er regelmäßig Hilfsmittel für blinde und sehschwache Menschen vor, die er selbst im täglichen Leben benützt oder sie für seine Zuseherinnen und Zuseher testet. Seine Beiträge und Videos thematisieren „Blindheit und Sehbehinderung“ auf vielfältige Art und Weise und geben auch sehenden Menschen einen interessanten Einblick in die Welt von blinden und sehbehinderten Menschen. Der Austausch von blinden, sehschwachen und sehenden Menschen ist für seine Arbeit von zentraler Bedeutung, denn Erdin möchte mit seinen Videos „nicht nur über Inklusion berichten, sondern Inklusion schaffen“.

„Vorurteile und Barrieren können nur so abgebaut werden. Neue Arbeitsplätze können so zugänglich gemacht werden. Meine Videos sollen zudem nicht nur zum Austausch anregen, sondern direkt zum Dialog miteinander führen. Durch informative, spannende und bewegende Videos soll dies möglich gemacht werden.“

Wie kamst du dazu einen Blog zu schreiben?
Ausschlaggebend waren zwei Erlebnisse für mich. Zum einen eine schlechte Hilfsmittelberatung und zum anderen, mein Auslandssemester in der Türkei. Vor meinem Auslandsaufenthalt habe ich meine Ausbildung und schulische Laufbahn in einem Umfeld absolviert, dass auf blinde und sehschwache Menschen ausgerichtet bzw. dafür sensibilisiert war. Erst mit der neuen Umgebung in der Türkei habe ich begonnen, mich aktiv und bewusst mit meiner Sehbehinderung auseinanderzusetzen. Durch das ungewohnte Umfeld bin ich schnell an meine Grenzen gestoßen. Vor dem Studium benutzte ich beispielsweise keinen Langstock und war somit nicht gekennzeichnet. Danach nahm ich an einem Mobilitätstraining teil. Heute benutze ich den Langstock wenn er gebraucht wird.

Die Reaktionen auf mich, wenn die Leute von meiner Einschränkung erfuhren, waren nett bis unfreundlich. Es war nötig, dass ich mir bewusst werde was meine Sehbehinderung auch für mich bedeutet. Blind sein kann man sich zwar vorstellen, was es für einen selber bedeutet, was man selbst braucht, das ist ein Entwicklungsprozess den jeder durchläuft und womit sich auch jeder auseinandersetzen muss. Im Zuge des Entwicklungsprozesses und aufgrund einer unzureichenden Hilfsmittelberatung, die nicht förderlich für mein Studium war, beschloss ich Videos über Hilfsmittel zu machen. Eine gute Hilfsmittelberatung ist für Menschen mit Restsehvermögen enorm wichtig. Leider gibt es viel zu wenig Möglichkeiten sich adäquat beraten zu lassen.

Was bedeutet dir der Blog bzw. deine Videos auf Youtube?
Ich habe das Medium Film bewusst gewählt, weil ich einerseits schon lange eine Affinität für Videos habe und diese auch bereits vor BlindLife produzierte. Andererseits weil, auch aufgrund von Plattformen wie Youtube, sämtliche Produkte mittels Video und Film zur Verfügung stehen, nur Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte nicht. Zumindest keine Videos, die nicht selbst von Hilfsmittelfirmen gedreht wurden.
Ein Video kommt allen Menschen entgegen. Sehende oder Menschen mit einem Sehrest können sich diverse Hilfsmittel noch anschauen, blinde Menschen können sich das Video, wenn es gut beschrieben ist, anhören. Für mich bedeutet Inklusion eben auch das - bereits bestehende Optionen und Möglichkeiten für alle zugänglich und nutzbar zu machen.

Was inspiriert dich?
Neben meiner Leidenschaft für Reisen und Autos, übe ich mich in der Kampfkunst des Taekwon-Do. Diese findet hauptsächlich ohne Kontakt statt. Im Übungsbereich orientiere ich mich vor allem an den Stimmen. Als ich damit anfing war dies sowohl für mich, als auch für meinen Meister ein Prozess - ganz nach dem Motto „Learning by Doing“. Niemand hatte Erfahrung in dem Umgang und dem Training mit einem Sehbeeinträchtigten, aber sie sagten „Probieren wir es einfach einmal.“

Welche Reaktionen gab bzw. gibt es auf deinen Blog? Positive oder negative Erlebnisse?
Es gab fast nur positive Reaktionen. Aber einige wenige negative Reaktionen blieben natürlich nicht aus. Einmal wurde behauptet, ich lüge. Da Sehbehinderte in der Gesellschaft nicht so verankert sind wie Blinde. Sehbehinderte sind meines Erachtens nach eine „Randgruppe der Randgruppe“. Deswegen ist mir meine Arbeit im Sinne der Bewusstmachung besonders wichtig. Wenn man eine Person mit einer Sehbeeinträchtigung sieht, sollte man zuerst die Situation begutachten und nicht gleich auf die Person zulaufen. Nach dem Motto „Du bist blind und du brauchst Hilfe“ sollte nicht gehandelt werden. Jede Person hat andere Bedürfnisse.
Zum Abschluss wollen wir ein Zitat von Erdins Blog nehmen, da es sehr inspirierend ist und den Charme von Erdins Blog und Youtube-Kanal treffend beschreibt:

„Zu meiner eigenen Sehbehinderung kann ich nur so viel sagen: Zwar habe ich eine hochgradige Seheinschränkung, doch mein Blick ist nach vorn gerichtet und meine Augen weit offen. Vielleicht sehe ich nicht alles auf den ersten Blick und wahrscheinlich auch nicht auf den zweiten, jedoch ist dies kein Grund für mich, nicht an meine Träume zu glauben und weiter zu machen.“

Vielen Dank für das nette Interview!

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