Katarakt-OP und AMD

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Verschlechtert die Operation am Grauen Star eine bestehende Altersbedingte Makula-Degeneration?

Im Rahmen unserer Vortragsreihe „Sichtweisen“ durften wir am 27. November 2013 Prim. Univ.-Prof. Dr. Oliver Findl, Vorstand der Augenabteilung des Hanusch-Krankenhauses, als Gast in unserem Beratungszentrum begrüßen. Der international renommierte Augenexperte ist in Europa der meistzitierte wissenschaftliche Autor zum Thema Katarakt (Grauer Star). Am Londoner Moorfields Eye Hospital, dem größten Augenspital Europas, ist er seit 2006 tätig, seit 2009 als Gastprofessor. In Wien leitet er das VIROS – Vienna Institute for Research in Ocular Surgery (www.viros.at) am Hanusch-Krankenhaus. Die Arbeitsschwerpunkte dieser Forschungseinrichtung sind Nachstar und funktionelles Sehen nach der Katarakt-OP. Den äußerst interessanten Vortrag von Prof. Findl haben wir im Folgenden zusammengefasst.

Grauer Star

Das altgriechische Wort Katarakt bedeutet „Wasserfall“ und bezeichnet die Trübung der Linse. Bemerkbar macht sich der Graue Star durch Symptome, wie verschwommenes Sehen, Nebelsehen, Blendungsgefühl, Leseschwierigkeiten, verblasste Farben. Eine Brille kann die Sehkraft nicht mehr verbessern. Der Augenarzt stellt mittels Lesetafel und Spaltlampen-Untersuchung die Diagnose. Die Trübung kann den Kern oder die Rinde der Linse betreffen. Grauer Star tritt meist altersbedingt auf, kann aber auch angeboren sein, durch Verletzungen am Auge oder stoffwechselbedingt entstehen.

Die Katarakt-OP ist der weltweit am häufigsten durchgeführte Eingriff in der Altersgruppe der über 50-Jährigen. Mehr als 60 Prozent der 75-Jährigen erkranken am Grauen Star. Dank modernster Techniken und Geräte sowie Materialien bei den Kunstlinsen wird die Operation meist ambulant unter Lokalanästhesie durchgeführt. Nur eine von 300 OPs erfolgt in Narkose, z.B. bei jugendlichen Patienten oder Alzheimerkranken.

Tagesklinik

Das Hanusch-Krankenhaus betreibt seit drei Jahren eine Tagesklinik, in der jährlich 5.500 Katarakt-OPs durchgeführt werden. Eine Woche vor der OP absolvieren die Patienten gründliche Untersuchungen zur genauen Abklärung und Vermessung der Augen. Der Zeitbedarf am Tag der OP liegt für den einzelnen Patienten bei drei bis vier Stunden inklusive Vorbereitung und Nachuntersuchung. Bei beidseitigem Katarakt wird zuerst ein Auge operiert, ca. eine Woche später folgt das zweite. Der Operateur sagt die einzelnen Schritte während der Operation an – das verringert die Angst der Patienten, vom ersten Schnitt zur Kapseleröffnung bis zum Einsetzen der Kunstlinse. Die verschiedenen Kunstlinsenmodelle verfügen über Bügel, um sie im Kapselsack zu stabilisieren. Die neuen, klaren Kunstlinsen verbleiben im Auge des Patienten. In einigen Fällen kommt es nach wenigen Jahren zu einer Kapseleintrübung, dem sogenannten Nachstar. Die Behandlung des Nachstars erfolgt ambulant mittels Laser, ist berührungs- und schmerzfrei und wird im Sitzen durchgeführt.

Altersbedingte Makula-Degeneration

Während der Graue Star eine reversible Sehverschlechterung darstellt, ist die Altersbedingte Makula-Degeneration die häufigste irreversible Sehbeeinträchtigung in der Altersgruppe der über 50-Jährigen: Bei den 85-Jährigen liegt die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) bei 30 Prozent. Diese degenerative Erkrankung betrifft die Netzhautmitte, die Makula, also die Stelle des schärfsten Sehens: Die Makula ermöglicht uns das Lesen, das Erkennen von Gesichtern und Details. Nicht beeinträchtigt wird hingegen das Gesichtsfeld, das wir zur Orientierung benötigen. Die AMD hat zahlreiche Ursachen und Risikofaktoren. Alter, Rauchen und hoher Blutdruck wurden als Risikofaktoren identifiziert, beim Entstehungsprozess spielen voraussichtlich chronisch entzündliche Prozesse, Genetik und Ernährung eine Rolle. Die feuchte Form der AMD schreitet schneller voran, die trockene Form langsamer.

Risikofaktoren

Die Katarakt-OP betrifft vor allem den vorderen Augenabschnitt (Linse), die AMD findet am hinteren Teil (Netzhaut) des Auges statt. Inwieweit kann also eine Katarakt-OP zur Verschlechterung einer bestehenden AMD-Erkrankung führen? Ein möglicher beeinflussender Faktor ist Licht-Toxizität, da für Augenoperationen lichtstarke Mikroskope benötigt werden. Ein weiterer, beeinflussender Faktor ist die Entzündungsreaktion, die nach einer OP auftritt und für den Heilungsprozess notwendig ist. Ältere Studien, die noch auf inzwischen überholten OP-Methoden basieren, haben eine Verschlechterung der AMD nach Katarakt-OPs nachgewiesen. Aktuelle Studien mit der heute verwendeten modernen Operationsmethode ergaben jedoch keinen negativen Einfluss der Katarakt-OP auf die AMD.

In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass die Katarakt-Operation bei Patienten mit fortgeschrittener AMD zu einer erhöhten Lebensqualität führt, da das Gesichtsfeld klarer und heller wird und dadurch die Orientierung im Raum besser wird, ohne das Lesevermögen zu verbessern.

OP-Vorbereitung

Schwierig stellt sich die Situation bei Hochrisiko-Augen dar. Das betrifft AMD-Patienten mit fortgeschrittener AMD. In diesen Fällen wird Folgendes vor einer Katarakt-OP empfohlen: Eine Funduskontrolle (Untersuchung des Augenhintergrunds) alle drei bis vier Monate, wöchentliche Sehtests mit dem Amsler-Netz, Einnahme von Vitaminpräparaten mit Lutein und Omega-3-Fettsäuren.

Patienten mit feuchter AMD sollten in den Monaten vor einer Katarakt-OP mit Anti-VEGF-Injektionen (Gefäßwachstumshemmer: Avastin, Eylea, Lucentis) in den Glaskörper stabilisiert werden. Außerdem muss mittels OCT-Untersuchung (Optischer Kohärenztomographie) kontrolliert werden, ob sich Flüssigkeit in der Netzhaut angesammelt hat. Sollte die Untersuchung frische Blutungen oder eine rezente Zunahme von Flüssigkeit zeigen, muss die Operation verschoben werden. Kommt es jedoch zur OP, wird an deren Ende manchmal eine Injektion mit Wachstumshemmern (Anti-VEGF) in den Glaskörper verabreicht.

Fazit: Katarakt-Operationen ohne Komplikationen haben keine Auswirkungen auf eine bestehende AMD-Erkrankung. Es gibt sogar zahlreiche Untersuchungen, die einen Anstieg der Sehschärfe (Visus) und eine Verbesserung der Lebensqualität von AMD-Patienten nach Katarakt-OPs belegen. Die positiven Auswirkungen sind allerdings geringer als bei Patienten ohne AMD.