Im Gespräch mit discovering hands

Persönlichkeiten

Könnten Sie uns kurz von sich erzählen? Was ist Ihr Werdegang, wie kam es zu Ihrem Engagement im Rahmen der Hilfsgemeinschaft?

Ich bin ein Quereinsteiger, habe Wirtschaftsinformatik und Informationswirtschaft an der Universität Wien studiert und dann zehn Jahre lang in der Erwachsenenbildung Fächer wie EDV und Mathematik unterrichtet. Danach habe ich einen kurzen Ausflug in die Bankenwelt gemacht und zum Thema Software für Bankensteuerung bzw. Wertpapierabwicklung gearbeitet. Nach einem kurzen Abstecher in die Funkgebührengebarung begann ich Datenbanksoftwares zu verkaufen – einer meiner KundInnen war dann die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. So wurde ich ab 1999 zum EDV-Verantwortlichen der Hilfsgemeinschaft. Ab 2016 war ich dann Geschäftsführer, danach, nach einem Statutenumbau, bis heute im Vorstand, gemeinsam mit meinem Kollegen, Vorstandsvorsitzenden Elmar Fürst.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation, Ihre Energie? Was treibt Sie an?

Ich bin nicht betroffen, ich habe keine Behinderung, aber ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Wir sprechen beim Thema Sehbehinderung von 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die betroffen sind und dadurch potentiell vom täglichen Leben ausgeschlossen werden. Das kann es nicht sein! Vor allem, weil es so einfach wäre, diese Personengruppe zu integrieren, wenn man ihnen nur die entsprechenden Hilfen bietet. Dabei reicht es jedoch nicht, einmal pro Jahr einen Spendenaufruf zu starten. Es gilt, Inklusion immer und überall von Anfang an mitzudenken – vor allem auch online. Ein Negativ-Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Corona-App, die von blinden Menschen einfach nicht installiert werden kann. Es hat politisch anscheinend keine Priorität, auch diese Personengruppe anzusprechen. Sie werden geringgeschätzt und in die Ecke geschoben. Sie sind scheinbar unsichtbar. Und all das, obwohl jeder von uns mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann von einer Behinderung betroffen sein wird, spätestens im Alter. Was die Politik in diesem Zusammenhang übersieht: Auch Menschen mit Behinderungen sind WählerInnen.

Was ist die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs und welche Ziele verfolgt sie?

Wir sind ein relativ großer Verein mit über 6.000 Mitgliedern in ganz Österreich. Besonders viele Mitglieder haben wir jedoch in Niederösterreich, Wien und dem Burgenland. An drei Standorten verteilt, arbeiten insgesamt 95 MitarbeiterInnen und knapp 250 Freiwillige für die Hilfsgemeinschaft. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung, vor allem natürlich mit Sehbehinderung, zu ermöglichen. Dafür bieten wir eine breite Palette an Angeboten: Von psychologischer Beratung über Rechtsberatung und Rechtsvertretung bis hin zu technologischen und alltäglichen Hilfsmitteln, die Menschen mit Behinderung unterstützen können.

Sie beschäftigen sich viel und gerne mit Informations- und Kommunikationstechnologien, die Menschen mit (Seh-)Behinderungen helfen. Könnten Sie uns in diesem Kontext ein paar Beispiele nennen?

Das sind oft ganz banale Dinge, da muss man nicht gleich mit High-Tech kommen: Ein Wasserstandsanzeiger zum Beispiel. Den steckt man in ein Glas, während man Wasser einschenkt, und der Wasserstandsanzeiger beginnt zu piepsen, sobald das Glas fast voll ist. Oder ein Farbanzeiger, was vor allem bei der täglichen Kleidungswahl hilfreich sein kann. Aber natürlich bieten wir auch Hightech-Hilfsmittel wie die OrCam, eine Brille, die Gesichter erkennen kann, Geldscheine erkennt, vorliest und vieles mehr. Es gibt weltweit eine kleine, aber feine und rege Community von Menschen, die sich dem Thema Technologie und Menschen mit Behinderungen verschrieben haben, und das ist auch gut so.

Abgesehen davon – von welchen aktuellen Entwicklungen zum Thema Barrierefreiheit und Technologie können Sie uns berichten?

Positiv ist, dass sich immer mehr Menschen mit dieser Thematik beschäftigen und es mittlerweile, wie vorhin schon kurz erwähnt, eine wachsende Palette an technologischen Hilfsmitteln und barrierefreien Technologien gibt. Vorreiter in diesem Bereich ist unter anderem Israel. Hier gibt es wirklich sehr viele Lösungen zum Thema Menschen mit Behinderungen und Technologie. Die vorhin bereits erwähnte OrCam kommt beispielsweise von dort. Auch die USA sind in diesem Bereich sehr aktiv. Barrierefreiheit wird hier großgeschrieben, was ich vor allem auch auf die große Anzahl an Kriegsversehrten der Armee zurückführe und auch, darauf dass die gesetzliche Lage – Stichwort 30 Jahre American Disability Act ADA – eine andere ist wie zum Beispiel in Österreich. Aber auch Österreich ist in dieser Hinsicht ein sehr innovatives Land.

Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Bereich?

Ein Problem, das in diesem Zusammenhang immer wieder auftritt: Neue Technologien sollten von Anfang an für alle designt sein, sie sollten von Beginn an barrierefrei gedacht werden. Das ist aber leider oft nicht der Fall. Dabei würde man sich durch eine solche Herangehensweise im Nachhinein entwickelte Speziallösungen für Menschen mit Behinderungen ersparen und von vorne herein noch mehr NutzerInnen ansprechen – das gilt beispielsweise für Websites oder Apps. Auch künstliche Intelligenz sehe ich kritisch. Denn je nachdem mit welchen Daten man das jeweilige System trainiert und wie das System programmiert ist, besteht das hohe Potential, dass bestimmte Vorurteile reproduziert und fortgeschrieben werden. Das kann dann natürlich wiederum Menschen mit Behinderungen schaden.

Wie erleben/erlebten Sie die COVID-19 Krise vor allem auch im beruflichen Kontext?

Die Krise zeigt mir einmal mehr: Menschen mit Behinderungen sind nicht im Fokus unserer Politiker. Ihre VertreterInnen wurden in der Entwicklung von Maßnahmen in keiner Weise mit einbezogen. Die, die sich für Menschen mit Behinderungen einsetzen, also NGOs und NPOs, haben erst als Aller-, Allerletzte Förderungen erhalten. Bei Vereinen wird zuerst über den lokalen Fußballverein berichtet und über die lokale Feuerwehr. Dass aber der Großteil der sozialen Arbeit unentgeltlich von NPOs geleistet wird, wird hier gerne übersehen.

Die Politik hat kein Interesse an den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen!

Welche Auswirkungen hat/hatte die COVID-19 Krise Ihrer Meinung nach für blinde und sehschwache Menschen?

Tragisch war der Lock-Down vor allem für Menschen in Pflegeeinrichtungen für Alte, Blinde und Sehbehinderte. Für sie gab es keinerlei Kontaktmöglichkeit nach außen – die damit verbundenen psychologischen Folgen wurden in keiner Weise bedacht.

Wie Sie wissen, traf discovering hands die Krise leider doppelt. Eine Crowdinvesting-Kampagne half uns die Krise zu überbrücken. Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs hat im Rahmen dieser großzügig in discovering hands Österreich investiert. Was war Ihr Antrieb?

discovering hands Österreich ist ein super Beispiel dafür, wie man zwei wichtige Dinge miteinander verbinden kann: In diesem Falle eine bessere Brustkrebsfrüherkennung mit einem super Job und einer neuen Zukunftsperspektive für blinde und sehbehinderte Frauen. Und, es zeigt so schön: Eine Sehbehinderung ist nur ein Teil eines Menschen und definiert nicht die Person – und den kann man kompensieren, indem man andere Sinne in den Vordergrund stellt.

Aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Advokat für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, was möchten Sie dem discovering hands Österreich-Team für die Zukunft mitgeben?

Wichtig ist es, über den Tellerrand zu schauen! Und natürlich spielt Vernetzung eine große Rolle.

Eine persönliche Botschaft zum Schluss: Gibt es noch irgendetwas, das Sie unserer LeserInnen sagen möchten?

Werdet aktiv und zeigt, dass ihr discovering hands Österreich unterstützt. Erhöht die Sichtbarkeit dieser tollen Initiative!