Behinderung und Partnerschaft

Beratung & Soziales

Die Zeit um Weihnachten und Neujahr wird immer noch als eine Zeit der Familie gesehen. Zu Weihnachten will niemand alleine sein.

Die Zeit um Weihnachten und Neujahr wird immer noch als eine Zeit der Familie gesehen. Zu Weihnachten will niemand alleine sein, Familientreffen sind oft eine lang gepflegte Tradition und das „Fest der Liebe“ kann nur dann gepflegt werden, wenn es auch jemanden gibt, mit dem die „Liebe“ geteilt werden kann.

Leider gibt es jedoch allzu viele Menschen, die aus dem oben beschriebenen Wunschbild unserer Kultur herausfallen. Entweder sind sie alleinstehend, kommen mit ihrer Familie nicht so zurecht, dass ein „erwartetes“ Weihnachtsfest in Frieden und ohne jeden Konflikt möglich wäre, oder sie haben keine andere Wahl, als sich den „Gesetzen“ ihres Umfeldes zu unterwerfen. Letzteres trifft leider häufig auch auf Menschen mit Behinderung zu. Selbstverständlich gibt es Menschen mit (Seh-)Behinderung, die alles selbst machen können. Aber der weitaus größere Teil ist davon abhängig, dass jemand anderer bei vielen Tätigkeiten im Alltag unterstützt oder sie sogar ganz übernimmt. Dies geschieht in aller Regel häufig durch die unmittelbaren Angehörigen in der Familie oder in der Partnerschaft.

Partnerschaft jedoch basiert auf gegenseitigem Geben und Nehmen: wenn sie eine Einbahnstraße wird, besteht die große Gefahr, dass diese Partnerschaft zu einem „Ausnutzungs- und Abhängigkeitsverhältnis“ verkommt. Der Mensch mit Behinderung bekommt zwar alles, fühlt sich jedoch hochgradig abhängig. Für den gesunden Partner oder die gesunde Partnerin ist es selbstverständlich, alles zu tun, was mit Behinderung nicht selbst gemacht werden kann; trotzdem kommt irgendwann der Punkt, wo er oder sie sich nur noch ausgenutzt fühlt.

Dass dieses gegenseitige Geben und Nehmen in einer Partnerschaft von Außenstehenden nie wirklich beurteilt werden kann, ist aber auch klar. Immer gehört es dazu, dass sich die beiden Partner selbst „aushandeln“, welche Tätigkeiten für sie einfacher oder bevorzugt zu bewältigen sind. Die eine hasst das Schuhputzen, während es für den anderen eine meditative Beschäftigung ist. Für den einen ist das Kochen und Backen ein Gräuel, während es für die andere das schönste Hobby der Welt ist. Es ist also von Person zu Person verschieden, welche Tätigkeiten für den einen als belastend und für die andere als angenehm erlebt werden. Davon hängt es jedoch häufig ab, wie in Partnerschaften die Bereiche aufgeteilt werden, für die der jeweilige Partner oder die Partnerin sich zuständig fühlen.

Gleiches gilt natürlich auch für die Partnerschaft von Menschen mit Behinderung mit einem Menschen, der keine Behinderung hat. Allerdings ist es hier ungleich schwieriger, solche Verhandlungen zu führen: weder will sich der behinderte Mensch abhängig fühlen, noch soll der Teil ohne Behinderung sich ausgenutzt vorkommen. Die Gefahr eines „Ausnutzungs- und Abhängigkeitsverhältnisses“ will geschickt umgangen werden!

Leider spielt genau diese Thematik auch immer wieder eine Rolle, wenn Menschen mit Behinderung in einer Partnerschaft leben wollen, es aber ausgesprochen schwierig ist, die richtige Partnerin oder Partner zu finden. Ebenso wird es oft ausgesprochen brisant, wenn z. B. die Sehbehinderung oder Erblindung erst auftritt, nachdem schon eine längere Partnerschaft. Das oben genannte Agreement, wer in der Partnerschaft für welche Bereiche zuständig ist, wird dadurch oft radikal auf den Kopf gestellt. Sich hier neu zu orientieren und zusammenzuraufen, ist oft nicht einfach und eine riesige Herausforderung! Häufig zerbrechen Partnerschaften daran oder sie gehen gestärkt aus dieser neuen Situation hervor, wenn es eben nicht zu einem „Ausnutzungs- und Abhängigkeitsverhältnis“ kommt.

In unserem Land ist es leider noch immer keine Selbstverständlichkeit, dass behinderte Menschen die benötigte Hilfe in Form von persönlicher Assistenz finanziert bekommen. Hilfe, die es ihnen ermöglicht, ohne irgendwelche Barrieren am Leben unserer Gesellschaft teilzunehmen. Diese fehlende Unterstützung führt leider zu Abhängigkeit von Angehörigen und Familie. Dies trägt dann oft dazu bei, dass die Weihnachtszeit leider nicht so friedvoll und harmonisch verläuft, wie es uns als Wunschbild vorgegaukelt wird.

Mehr zur Person:
Markus Bräuer ist Psychotherapeut, er wird auf dem Blog der Hilfsgemeinschaft spannende Aspekte zum Thema Behinderung schreiben. Markus Bräuer bringt in seinen Artikeln die Expertise als Psychotherapeut und seine Erfahrung mit seiner Sehbehinderung ein. Sein erster Artikel hat sich dem Thema „Akzeptanz der eigenen Behinderung“ gewidmet.

Website von Markus Bräuer