Erinnerungen

Mittwoch, 26. September 2018 - 13:50

Ein Blogbeitrag von: Silvia Mayrhofer

Sag zum Abschied leise „Servus“ …

Viele Menschen kannten die zierliche Dame, deren elegante Bewegungen bis ins hohe Alter die Tänzerin verrieten. Seit den 1980iger Jahren warb Lygia Kapraleck immer wieder in Spendenaussendungen für die Hilfsgemeinschaft. Auch in unserem Magazin war im Laufe der Jahre oft von ihren Auftritten bei der Silvestergala in der Harmonie, einer ihrer Büttenreden oder einem von ihr organisierten Konzert zu lesen.

Unterstützung

Im hohen Alter nahm Lygia Kapraleck für andere sehbehinderte Menschen ihre ganze Kraft zusammen: In der Adventsaussendung 2017 dankte sie namens der Mitglieder unseren Spenderinnen und Spendern für ihre Unterstützung. Letztes Jahr war sie auch noch für eine Fotoserie der Hilfsgemeinschaft vor der Kamera: Schick gemacht für ihren Auftritt, wie es ihr in den vielen Jahren als Schauspielerin in Fleisch und Blut übergegangen war.

Die gebürtige Wienerin absolvierte eine Tanzausbildung am Konservatorium für Musik und dramatische Kunst, wandte sich schließlich dem Schauspiel zu und war am Volkstheater und am Raimundtheater zu sehen. Sie schrieb selbst Gedichte und trat sogar als Akrobatin auf. Weder Stürze noch schwere Krankheiten konnten ihrer Bühnenleidenschaft Abbruch tun. Tourneen führten sie durch mehrere europäische Länder und auch in die Türkei. Ihr türkischer Tanz faszinierte das Publikum. Fast wäre sie am Bosporus geblieben. Letztlich kehrte die Sprachbegabte doch nach Österreich zurück, absolvierte einen Dolmetschkurs und erteilte später Türkischunterricht.

Weggefährtinnen

Gegen Ende des 2. Weltkrieges verschlug es die junge Frau nach Oberösterreich. Sie fand in dieser Notzeit Unterkunft und eine Freundin auf einem Bauernhof im Hausruckviertel. Dem Sohn dieser Freundin sollte sie viele Jahre später wieder begegnen, er ist heute Vorstand in der Hilfsgemeinschaft. Lange war Lygia Kapraleck mit ihrer Schwester Edith am Stadttheater Steyr engagiert, dessen Direktor später ihr Schwager wurde. Ihre damals schon starke Kurzsichtigkeit blieb ihren Kollegen nicht verborgen. Auf der Bühne hatte sie deshalb mit manchem Streich zu rechnen, weil sie kleinere Requisiten einfach nicht sah. Doch die Frohnatur ließ sich die Laune nicht verderben und blickte später lachend auf diese Episoden zurück. In den Seniorenwohnhäusern und Bezirksgruppen der Hilfsgemeinschaft trat sie jahrzehntelang mit Lesungen und Aufführungen auf.

Lygia Kapraleck tanzend mit erhobenen Armen und lächelnd, trägt ein weißes Kleid mit Puffärmeln (Silvester 1988)
Lygia Kapraleck tanzt den Donauwalzer für die Gäste der Harmonie in Unterdambach (Silvester 1988)

Als ihre Augen sie mehr und mehr im Stich ließen, erlernte sie die Blindenschrift. 20 Jahre lang engagierte sie sich Woche für Woche in der Hilfsgemeinschaft als Braille-Lehrerin. Manche ihrer ehemaligen Schüler geben ihr Wissen heute selbst in unseren Kursen weiter.

Testament

Bereits durch ihre Eltern mit der Hilfsgemeinschaft verbunden, selbst sehbehindert, über 35 Jahre ehrenamtlich tätig, wollte Lygia Kapraleck über ihr Leben hinaus sehschwachen und blinden Menschen Gutes tun und bedachte die Hilfsgemeinschaft in ihrem Testament.

In ihrem 97. Lebensjahr schlief Lygia Kapraleck sanft und behütet in der Waldpension ein. „Sie bringt uns so viel Freude und Mut!“, schrieb ein blindes Mitglied einmal über sie. Danke für alles, Lygia Kapraleck!

Portrait Lygia Kapraleck mit oranger Bluse und gelben Blumen, Copyright: F. Pfluegl.
Fotoshooting in der Waldpension, wo Lygia Kapraleck als Dauergast lebte (Sommer 2017), Copyright: F. Pfluegl.