„Blind ermittelt“ - Interview mit Philipp Hochmair

Donnerstag, 3. Mai 2018 - 10:04

Ein Blogbeitrag von: Alexandra Schätz

Am 5. Mai um 20.15 Uhr strahlt der ORF erstmals den Kriminalfilm Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien aus. Passend zum Tag der Inklusion wird im deutschsprachigen Raum der erste blinde Kommissar zu sehen sein. Philipp Hochmair, vielen bekannt als korrupter Politiker Joachim Schnitzler in der Fernsehserie „Vorstadtweiber“, spielt Kommissar Alexander Haller, der bei einem Anschlag sein Augenlicht verliert. Für uns hat sich der aufgeschlossene und vielseitige Schauspieler Zeit genommen und verrät im Gespräch, warum er das Gefühl „limitiert“ zu sein, kennt.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie sich davor mit Betroffenen ausgetauscht?

Den ersten Kontakt mit dem Thema Blindheit und Sehbeeinträchtigung hatte ich durch die Erlebnisausstellung Dialog im Dunkeln und Dinner in the Dark. Bei „Dialog im Dunkeln“ wird man von blinden Guides durch vollkommen abgedunkelte Räume geleitet, in denen verschiedene Alltagssituationen nachgestellt sind. Das war eine ganz essentielle Erfahrung für mich, aus der sich schnell eine Fantasie für meine Rolle entwickelt hat. Es zeigt einem auch, wie hart und gefährlich der Alltag für blinde Menschen sein kann.

Haben Sie Erfahrung im Umgang mit einer Sehbeeinträchtigung/Blindheit oder vielleicht einer anderen Beeinträchtigung?

Diese Erfahrung habe ich nicht. Allerdings kenne ich das Gefühl des „limitiert“ seins durch meine Legasthenie. Auch wenn dies natürlich kein adäquater Vergleich mit einer Sehbehinderung ist, so kann ich gut nachvollziehen wie es einem ergeht, wenn andere zu etwas mit einer Leichtigkeit fähig sind, wofür man selber sehr viel mehr Arbeit aufbringen muss. Und gerade als Schauspieler bin ich ständig mit langen Texten konfrontiert – die Vorbereitungen sind für mich oft grässlich. Aber der Kampf mit meinem Handicap wird dann eben auch zur Chance. Ich werde durch die Leseschwäche gezwungen viel genauer und langsamer zu lesen.
Vielleicht ist das ja auch die Kraft von Haller. Er ist ein guter Ermittler, kann aber nicht sehen. Vielleicht bringt das ganz neue ungeahnte Kräfte mit sich.

Letztes Jahr erschien der Hollywoodfilm „Blind“ mit Alec Baldwin in der Hauptrolle, welcher für seine Darstellung einer blinden Person als Sehender, in die Kritik geriet. Es wurde der Vorwurf laut, dass „Behinderung wie ein Kostüm“ behandelt wird. Wir würden gerne Ihre Meinung zu dem Thema wissen.

Den Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Wobei ich sagen muss, dass ich den Film mit Alec Baldwin noch nicht kenne.
Was ich aber sagen kann ist, dass man als Schauspieler neben der Darstellung einer Figur, bestimmte technische Anforderungen erfüllen muss. Wie zum Beispiel „Marken treffen“ (Anm. der Redaktion: Markierungspunkte am Boden) oder Kampfszenen spielen. Ein blinder oder sehbeeinträchtigter Mensch kann selbstverständlich über schauspielerisches Gespür und Fähigkeiten verfügen, jedoch ergibt sich aus den oben genannten Anforderungen eine Hürde, die in der Praxis schwer zu bewältigen ist.
Es wäre interessant zu erfahren ob es blinde oder stark sehbeeinträchtigte Schauspieler gibt.
Ich denke, die Stärke von Filmen in denen blinde oder anders beeinträchtigte Personen dargestellt werden, liegt daran, die Diversität der Gesellschaft zu zeigen und dass, in meinem Fall, auch ein Blinder ein Kommissar sein kann und nicht zum Telefondienst verdammt wird. Wir zeigen seinen Kampf, tun zu dürfen was er wirklich kann. Wir beziehen somit Stellung und zeigen, dass auch mit einer Behinderung ein Job hervorragend ausgeübt werden kann. Die Darstellung von blinden Personen als „sehender Schauspieler“ kann als Chance gesehen werden, Solidarität zu zeigen und die Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen und nicht sein oder ihr „Defizit“.

Vielen Dank für das nette Interview!

www.philipphochmair.com

www.jedermann-reloaded.de

Filmplakat von "Blind ermittelt": Zwei Schauspieler stehen hintereinander, Vordere hält Langstock in den Händen. Copyright: ARD Degeto/Mona Film/Philipp Brozsek"
Am Samstag, dem 5. Mai um 20:15 Uhr auf ORF 1 und im Ersten: „Blind ermittelt - Die toten Mädchen von Wien“, Copyright: ARD Degeto/Mona Film/Philipp Brozsek

Vorschau „Blind ermittelt - Die toten Mädchen von Wien“